Warum sind Wespen so scharf auf unser Essen?
Zunächst muss man sagen: Nicht jede gelb-schwarze Wespe interessiert sich für unseren Frühstückstisch. Von den zahlreichen heimischen Wespenarten sind es vor allem die Gemeine Wespe und die Deutsche Wespe, die im Spätsommer aufdringlich werden können.
Ihre Larven benötigen eiweißreiche Nahrung. Deshalb suchen die Arbeiterinnen unter anderem nach Fleisch, Wurst und anderen tierischen Lebensmitteln. Die erwachsenen Wespen benötigen dagegen vor allem schnell verfügbare Energie und werden daher von Kuchen, reifem Obst, Säften, Limonade und anderen süßen Lebensmitteln angezogen.
Im Spätsommer verändert sich zudem die Situation im Wespenstaat. Es müssen weniger Larven versorgt werden, natürliche Nahrungsquellen werden knapper und die Arbeiterinnen suchen verstärkt nach zuckerhaltiger Nahrung. Wespen erfüllen dabei wichtige ökologische Aufgaben: Sie erbeuten Fliegen, Mücken, Raupen und Blattläuse und besuchen auch Blüten.
Welche Maßnahmen helfen beim Essen im Freien?
Am wirksamsten ist es, den Wespen möglichst wenig anzubieten.
Speisen und Getränke sollten abgedeckt und Essensreste zügig abgeräumt werden. Süße Getränkedosen und dunkle Flaschen sind besonders riskant, weil man eine hineingekrochene Wespe nicht sieht. Kinder sollten möglichst aus durchsichtigen Bechern oder mit einem geeigneten Trinkhalm trinken.
Vor jedem Bissen und Schluck sollte kurz kontrolliert werden, ob eine Wespe auf dem Essen oder am Glasrand sitzt. Nach dem Essen sollten besonders bei Kindern Mund und Hände abgewischt werden. Fliegengitter können verhindern, dass Wespen in Wohnräume, Balkons oder offene Wintergärten gelangen.
Eine Ablenkfütterung mit überreifem Obst kann in manchen Situationen funktionieren. Sie sollte jedoch bereits vor dem Essen und mehrere Meter vom Tisch entfernt eingerichtet werden. Wird ständig gefüttert, können sich die Tiere den Ort merken und regelmäßig zurückkehren. Deshalb ist das keine dauerhafte Universallösung.
Ein einzelnes Tier kann vorsichtig mit einem Glas und einer daruntergeschobenen Karte aufgenommen und einige Meter entfernt freigelassen werden. Insektenfallen sind verboten. Darin sterben Tiere qualvoll, häufig auch andere Insekten.
Darf man eine einzelne Wespe töten?
Nach § 39 Bundesnaturschutzgesetz sind grundsätzlich alle wild lebenden Tiere geschützt. Sie dürfen nicht ohne vernünftigen Grund gefangen, verletzt oder getötet werden. Das gilt auch für die Gemeine und die Deutsche Wespe. Einige Wespenarten sowie die heimische Europäische Hornisse sind darüber hinaus besonders geschützt.
Das bedeutet allerdings nicht, dass sich jemand widerstandslos stechen lassen muss. Bei einer konkreten Gefahr, beispielsweise wenn eine Wespe in den Mund gelangt oder eine hochgradig allergische Person unmittelbar bedroht ist, kann ein vernünftiger Grund vorliegen. Das vorsorgliche Erschlagen eines Tieres, nur weil es am Tisch erscheint, ist dagegen weder notwendig noch sinnvoll.
Bei Nestern ist die Situation erheblich strenger zu beurteilen. Ein Nest sollte niemals eigenmächtig zerstört, verschlossen, ausgeräuchert oder mit Insektengift behandelt werden. Zunächst sollten eine fachkundige Wespen- und Hornissenberatung oder die zuständige Naturschutzbehörde eingeschaltet werden. Bei besonders geschützten Arten kann für eine Umsiedlung oder Entnahme eine behördliche Ausnahmegenehmigung erforderlich sein.
Welche Hausmittel helfen wirklich?
Wassernebel: Ein feiner Sprühnebel aus einer sauberen Sprühflasche kann funktionieren. Die Wespe nimmt den feinen Niederschlag möglicherweise als einsetzenden Regen wahr und zieht sich zurück. Das Tier sollte jedoch nicht mit einem harten Wasserstrahl beschossen oder völlig durchnässt werden. In unmittelbarer Nähe eines Nestes darf diese Methode keinesfalls angewandt werden.
Kaffeepulver anzünden: Davon rate ich ab. Die Wirkung ist nicht zuverlässig belegt. Der Rauch kann Menschen reizen, ist unangenehm und verursacht zusätzlich eine Brandgefahr. Auf einem Balkon oder an einem trockenen Sommertag ist glimmendes Kaffeepulver keine gute Idee.
Ätherische Öle, Zitronen oder Gewürznelken: Einzelne Gerüche können Wespen kurzfristig irritieren. Die Wirkung ist jedoch unzuverlässig und häufig nur von kurzer Dauer. Ätherische Öle können außerdem Haut und Atemwege reizen und für manche Haustiere problematisch sein. Sie ersetzen daher nicht das Abdecken von Lebensmitteln.
Angebliche Wespennest-Attrappen oder braune Papiertüten:Für eine verlässliche abschreckende Wirkung gibt es keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege. Sie eignen sich daher nicht als zuverlässige Maßnahme zur Wespenabwehr.
Was sollte man auf keinen Fall tun?
Man sollte nicht nach Wespen schlagen, hektisch herumfuchteln oder sie anpusten. Die ausgeatmete Luft enthält viel Kohlendioxid. Dieses Gas spielt auch bei der Verteidigung eines Nestes eine Rolle und kann die Tiere alarmieren.
Auch Weglaufen ist bei einem einzelnen Tier am Tisch normalerweise nicht notwendig. Besser ist es, ruhig zu bleiben, langsame Bewegungen zu machen und dem Tier einen freien Abflug zu ermöglichen. Eine Wespe sticht normalerweise nicht aus Bosheit. Kritisch wird es vor allem, wenn sie eingequetscht, festgehalten oder ihr Nest verteidigt wird.
Was können Eltern ihren Kindern beibringen?
Eltern sollten Wespen nicht als grundsätzlich gefährliche oder böse Tiere darstellen. Kinder übernehmen die Reaktion der Erwachsenen. Wenn Eltern schreien, schlagen oder panisch aufspringen, lernen Kinder, dass bereits ein einzelnes Tier eine große Bedrohung sei.
Sinnvoll sind einfache Regeln: „Wir bleiben ruhig, halten die Hände still und schauen, wo die Wespe sitzt.“ Kinder sollten nicht nach Tieren greifen, nicht auf sie treten und nicht versuchen, sie zu fangen. Vor dem Trinken wird in den Becher geschaut, und vor dem Essen wird geprüft, ob eine Wespe auf dem Lebensmittel sitzt. Klebrige Hände und Münder werden gereinigt.
Gleichzeitig kann man Kindern erklären, dass Wespen nützliche Tiere sind, die unter anderem Fliegen, Mücken und Raupen fangen. Beobachtung aus sicherer Entfernung hilft häufig besser gegen Angst als dramatische Warnungen.
Bei einem Stich sollte die Einstichstelle möglichst rasch gekühlt werden. Bei einem Stich im Mund- oder Rachenraum ist sofort der Notruf 112 zu wählen. Bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes kann das Lutschen von Eiswürfeln oder Speiseeis helfen, die Schwellung etwas zu verringern. Ebenfalls sofort den Notruf wählen sollte man bei Atemnot, Schwindel, Übelkeit, großflächigen Hautreaktionen, Schwellungen im Gesicht oder anderen Anzeichen einer schweren allergischen Reaktion (Anaphylaxie). Bekannte Allergiker sollten ihr ärztlich verordnetes Notfallset stets griffbereit haben.
Wie unterscheiden sich Europäische und Asiatische Hornisse?
Die heimische Europäische Hornisse ist besonders geschützt und grundsätzlich friedfertiger, als ihr Ruf vermuten lässt. Sie interessiert sich normalerweise kaum für Kuchen, Limonade oder den Grillteller. Einzeltiere sollten daher einfach in Ruhe gelassen werden. Auch an einem Hornissennest gilt: Abstand halten, Erschütterungen vermeiden und fachkundigen Rat einholen.
Die Asiatische Hornisse (Vespa velutina) ist eine invasive Art. Auch sie ist als einzelnes Tier an Blüten oder reifem Obst nicht automatisch aggressiv. In unmittelbarer Nestnähe kann sie ihr Volk jedoch energisch verteidigen. Nester dürfen deshalb niemals berührt, erschüttert oder eigenständig entfernt werden. Menschen und insbesondere Kinder sollten den Bereich ruhig verlassen und einen deutlichen Sicherheitsabstand einhalten.
Der Fund der Asiatischen Hornisse sollte möglichst mit einem Foto dokumentiert und über das Neobiota-Portal NRW oder direkt der zuständigen Unteren Naturschutzbehörde gemeldet werden.
Mein wichtigster Rat lautet daher: Ruhe bewahren, Lebensmittel abdecken und Wespen nicht provozieren. Die meisten Konflikte lassen sich dadurch vermeiden. Wespen und Hornissen stechen in aller Regel nicht grundlos, sondern weil sie sich selbst oder ihr Nest bedroht sehen.
