Warum Bienen schwärmen – Das große Abenteuer aus Sicht eines Imkers

Wenn es im Mai oder Juni plötzlich im Garten laut brummt und eine Wolke aus tausenden Bienen wie ein lebendiger Teppich durch die Luft zieht, ist das für viele erstmal ein Schreckmoment. Ich hab schon Leute gesehen, die aus Panik die Fenster zugeschlagen haben. Für mich als Imker ist das immer ein kleines Highlight – und ehrlich gesagt, manchmal auch Stress pur. Aber dazu später mehr.

Schwärmen – was ist das überhaupt?

Um es einfach zu sagen: Schwärmen ist die natürlichste Art der Vermehrung bei Honigbienen. Die alte Königin verlässt mit einem Teil des Volkes den Stock, um woanders neu anzufangen. Das ist kein Drama, sondern eigentlich der normalste Vorgang der Welt – für die Bienen jedenfalls. Für den Imker heißt es dann: Nerven bewahren, Bienen einsammeln und hoffen, dass sie sich nicht ausgerechnet im Nachbargarten an den Kirschbaum hängen. Ist schon alles passiert – inklusive Kaffeepause beim Nachbarn, während ich mit der Schwarmkiste auf der Leiter stand.

Wie läuft das ab?

Meistens kündigt sich der Schwarm schon Tage vorher an, wenn man weiß, worauf man achten muss. Die Bienen wirken „unruhig“. Sie bauen sogenannte Weiselzellen – das sind spezielle Zellen für neue Königinnen. Der Stock fühlt sich plötzlich gedrängter an, die Bienen „rollen“ sich auf den Waben, es herrscht ein ganz eigener Vibe, der schwer zu beschreiben ist. Ich sag manchmal scherzhaft: Die Stimmung ist wie kurz vor den Sommerferien in der Schule – alle wissen, gleich passiert was.

Irgendwann kommt der große Moment: Die alte Königin verlässt das Nest, begleitet von mehreren tausend Arbeiterinnen. Es sieht spektakulär aus, wenn sich die Bienenwolke sammelt und langsam an einen Ast oder einen Laternenmast setzt. Für mich ist das immer wieder ein Wunder. Wer mal daneben stand, weiß: Die Luft vibriert, es riecht nach Honig, nach Leben, nach Aufbruch.

Warum schwärmen Bienen überhaupt?

Die kurze Antwort: Weil sie müssen. Ein Bienenvolk kann nur eine Königin gebrauchen. Wird es im Stock zu eng oder gibt’s besonders viele Ressourcen (also viel Nektar und Pollen), denkt sich das Volk: Jetzt ist der Moment, neue Kolonien zu gründen. Die Schwarmstimmung ist quasi der „Expansionsdrang“ der Bienen. Biologisch betrachtet ist das ein Trick der Natur: So sorgt sie dafür, dass die genetische Vielfalt erhalten bleibt und Bienen neue Lebensräume erschließen.

Ich muss gestehen, am Anfang hab ich als Imker alles versucht, um das Schwärmen zu verhindern. Man will ja „verluste“ vermeiden. Aber je länger ich dabei bin, desto mehr Respekt habe ich vor diesem uralten Instinkt. Die Bienen wissen einfach, wann es Zeit ist zu gehen. Wer ihnen das verbietet, nimmt ihnen ein großes Stück ihres Wesens.

Was machen die Bienen nach dem Schwärmen?

Der Schwarm hängt meist erst mal als Traube irgendwo ab – gerne in Kopfhöhe, manchmal aber auch fünf Meter hoch in einem Apfelbaum. In der Zeit schicken sie Spurbienen aus, die nach geeigneten neuen Behausungen suchen. Man kann sie dabei sogar beobachten: Die Spurbienen kommen zurück, tanzen auf der Schwarmtraube einen „Wackeltanz“ (kein Witz!), um ihre Fundstücke anzupreisen. Irgendwann ist die Entscheidung gefallen – und dann hebt der Schwarm ab in Richtung neues Zuhause.

Wenn ich Glück habe, hockt der Schwarm in Reichweite. Dann kann ich ihn mit einer Kiste und ein paar beherzten Bewegungen einsammeln. Aber glaub mir: Manchmal lässt sich so ein Schwarm auch stundenlang Zeit oder fliegt genau dann los, wenn man gerade mal auf Toilette ist. Murphy’s Law gilt auch im Bienenstock.

Schwärme sind Überlebenskünstler

Es gibt wenig, was so robust und zäh ist wie ein Bienenschwarm. Sie haben die alte Königin dabei, einen Proviantvorrat im Honigmagen, und die Fähigkeit, innerhalb weniger Stunden ein völlig neues Nest zu bauen. Ich erinnere mich an einen Schwarm, der sich in einer alten Regentonne eingenistet hat. Da kam ich drei Tage zu spät – und die Bienen hatten schon angefangen, Waben zu bauen. Da merkt man, dass die Tiere wirklich auf Abenteuer eingestellt sind.

Natürlich ist Schwärmen auch ein Risiko. Nicht jeder Schwarm überlebt den ersten Winter. Es fehlt oft an Schutz, Futtervorräten, und es gibt Konkurrenz durch Wespen oder Ameisen. Aber das nimmt ein Bienenvolk offenbar in Kauf – Hauptsache, die Chance auf Vermehrung ist da.

Wie kann man Schwärmen beobachten oder sogar verhindern?

Für Imker ist das Schwärmen eine Mischung aus Stolz und Sorgenfalten. Einerseits ist es toll, so vitale Völker zu haben. Andererseits will man ja nicht, dass die Hälfte der Bienen einfach abhaut. Es gibt ein paar Tricks, um das Schwärmen zu verhindern: Genug Platz im Stock, regelmäßige Kontrolle auf Weiselzellen, Teilen des Volkes („Ableger machen“) oder das Entnehmen von Brutwaben. Trotzdem gelingt es nicht immer. Die Natur ist einfach schlauer.

Ich rate immer: Wer im Mai/Juni eine brummende Wolke im Garten sieht – keine Panik. Bienen im Schwarm sind fast immer friedlich, weil sie keinen Honig zu verteidigen haben. Man kann sich das Spektakel in Ruhe anschauen, Fotos machen, vielleicht sogar dem Imker Bescheid sagen. Es ist wirklich ein Schauspiel, das man nicht alle Tage erlebt.

Anekdote am Rande

Einmal ist mir ein Schwarm direkt in einen Zaun geflogen – die Bienen hingen wie Trauben an den Maschendraht. Ich habe eine halbe Stunde gebraucht, bis ich sie mit Kiste, Besen und viel Geduld eingesammelt hatte. Am Ende waren alle wieder sicher verstaut – inklusive neugieriger Kinder aus der Nachbarschaft, die plötzlich lauter Fragen hatten, als ich beantworten konnte.

Was Schwärmen uns zeigt

Schwärmen ist das Paradebeispiel für Teamwork, Entscheidungsfreude und Abenteuerlust im Tierreich. Es erinnert mich immer daran, dass Bienen viel mehr sind als Honiglieferanten. Sie sind Lebenskünstler, die auf ihren eigenen Instinkt vertrauen. Das sollten wir öfter mal versuchen – nicht nur im Bienenstock.

Barrierefreiheit

Nach oben scrollen