Ich bin immer wieder fasziniert, wie viel in der Natur verborgen bleibt, selbst wenn man ständig draußen unterwegs ist. Klar, Bienen und Schmetterlinge sieht jeder. Aber was unter der Erde passiert, nehmen viele nur am Rande wahr – wenn überhaupt. Und dabei ist das, was sich da unten tut, mindestens genauso spannend. Käfer, die in die Tiefe gehen, sind da so ein besonderes Kapitel. Als Insektenbotschafter bin ich viel unterwegs, auch mit der Lupe im Gepäck, und jedes Mal, wenn ich einen dieser „Bodenspezialisten“ erwische, ist das fast wie ein kleiner Schatzfund.
Man muss sich das mal vorstellen: Während wir auf dem Boden rumtrampeln, schiebt sich darunter eine ganz eigene Welt durchs Dunkel – still, unerkannt, manchmal über Jahre an der gleichen Stelle. Der Geruch von feuchter Erde, das Knirschen, wenn man eine Mulde aushebt – irgendwo da bewegen sie sich, diese Käfer, die nicht das Rampenlicht suchen, sondern sich in die Tiefe zurückziehen.
Wer sind diese „Tiefgräber“ eigentlich?
Zuerst denkt man natürlich an die Maikäferlarven, die sogenannten Engerlinge. Die leben mehrere Jahre unter der Erde, bevor sie sich überhaupt als Käfer blicken lassen. Ich hab schon öfter mal einen Rasen umgegraben und war jedes Mal überrascht, wie groß diese Larven werden können – und wie robust sie wirken. Für viele Gärtner ein Graus, für die Natur ein echter Dienstleister, denn sie bauen altes Pflanzenmaterial ab und lockern den Boden auf.
Es gibt aber noch ganz andere Spezialisten: Der Laufkäfer Carabus subterraneus macht seinem Namen alle Ehre. Er taucht so tief ab, dass man ihn selten zu Gesicht bekommt. Die meisten Laufkäfer sind ja sowieso eher nachtaktiv, aber dieser Kollege verschwindet tagsüber gern mal 30, 40 Zentimeter tief. Kein Wunder – da unten bleibt’s kühl und sicher. Spannend wird’s, wenn es regnet oder starker Frost kommt: Dann suchen sie noch tiefere Gänge auf oder überwintern gleich im Erdboden. Ich erinnere mich an einen Frühling, als ich bei einer Exkursion ein halb verfallenes Wurzelwerk inspiziert habe – plötzlich tauchte da ein Laufkäfer auf, staubbedeckt, mit Schmutzresten an den Flügeldecken. Der sah aus wie gerade aus der Unterwelt entsprungen.
Auch die Pillendreher – bestimmte Mistkäferarten – sind echte Tiefbau-Ingenieure. Sie rollen ihre berühmten Dungkugeln nicht nur vor sich her, sondern vergraben sie manchmal erstaunlich tief. Dabei arbeiten sie sich durch unterschiedlichste Bodenschichten, ganz pragmatisch, oft unter Beobachtung von Ameisen, die nicht selten versuchen, ein Stück vom Kuchen abzubekommen.
Was treibt Käfer eigentlich unter die Erde?
Hier kommt die Biologie ins Spiel. Unterirdisches Leben schützt vor Fressfeinden, Temperaturschwankungen und Trockenheit. Das wissen die Tiere ziemlich genau – Instinkt sei Dank. Manche Käfer, etwa der Totengräber (Nicrophorus), sind besonders findig: Sie entdecken tote Kleintiere, meist Mäuse oder kleine Vögel, und vergraben sie dann unterirdisch, um ihre Brut dort aufzuziehen. Das klingt im ersten Moment etwas morbide, aber aus ökologischer Sicht genial: So wird organisches Material recycelt und das Bodenleben gefördert.
Als Insektenbotschafter erzähle ich Kindern gern die Geschichte vom „Käfer mit dem Spaten“, der in Rekordzeit einen Tunnel gräbt, um seine Beute zu verstecken. Es sind genau solche Bilder, die hängen bleiben, weil sie zeigen, wie kreativ und anpassungsfähig diese Tiere sind. Wer mal erlebt hat, wie ein Mistkäfer unermüdlich eine Kugel vor sich her rollt und dann verschwindet, weiß, wie faszinierend dieses Verhalten ist.
Die unterschätzte Rolle im Ökosystem
Käfer, die in die Tiefe gehen, sind wahre Schlüsselfiguren im Boden. Sie lockern den Untergrund, bringen Sauerstoff hinein und fördern den Abbau organischer Substanz. Ohne sie wäre unser Boden nicht halb so fruchtbar. Ich erinnere mich an einen Sommer, als der Boden so hart war, dass selbst die Laufkäfer Schwierigkeiten hatten, sich einzubuddeln – ein Zeichen dafür, wie wichtig ein gesunder, durchlässiger Boden für diese Tiere ist.
Man kann stundenlang über Regenwürmer sprechen, aber die eigentlichen „Bodengeneräle“ sind oft die Käfer. Sie sind zwar unscheinbarer, aber im Großen und Ganzen unentbehrlich. Viele Arten sind sogar so angepasst, dass sie ohne tiefen Boden überhaupt nicht überleben könnten.
Mein Fazit: Käferleben in der Tiefe ist ein Abenteuer
Wer sich mal selbst auf die Suche machen möchte: Eine kleine Schaufel, etwas Geduld und offene Augen reichen aus. Und am besten nimmt man sich vor, nicht nur auf die großen, offensichtlichen Tiere zu achten, sondern auch mal den Boden unter den Füßen als Lebensraum zu entdecken. Da wartet mehr, als man denkt – und oft reicht schon ein umgedrehter Stein, um auf ein kleines Wunder zu stoßen.
Übrigens: Viele Kinder, mit denen ich draußen unterwegs bin, staunen am meisten über die Größe der Engerlinge oder die Baukunst der Mistkäfer. Für sie sind diese Tiere „Schatzsucher“, „Tunnelbauer“ oder „Versteckkünstler“ – und eigentlich stimmt das auch. Mir geht’s nach all den Jahren genauso: Es ist die Neugier auf das Verborgene, die einen immer wieder buddeln lässt. Und ich verspreche: Wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, sieht selbst den gewöhnlichsten Acker mit anderen Augen.
Praxistipps zur Unterstützung von Käfern, die in die Tiefe gehen
- Wildnis zulassen – nicht alles aufräumen!
Die wichtigste Regel: Lass den Garten ruhig mal ein bisschen chaotisch wirken. Laubhaufen, Totholz, Kompost, ein paar umgestürzte Äste und offene Bodenstellen sind für viele Käferarten wertvolle Lebensräume und Rückzugsorte. Wer jedes Blatt entfernt oder den Boden ständig „sauber“ hält, vernichtet potenziellen Lebensraum. - Boden möglichst wenig stören
Häufiges Umgraben, Wenden oder gar Fräsen zerstört unterirdische Gänge, vernichtet Larven und Eier. Es reicht oft, Beete nur oberflächlich zu lockern oder auf Mulch zu setzen statt zu hacken. - Pestizide und Kunstdünger vermeiden
Chemische Mittel töten nicht nur Schädlinge, sondern auch nützliche Käfer und zerstören das Bodenleben. Stattdessen lieber Kompost, Mulch und natürliche Dünger verwenden. - Vielfalt statt Einfalt: Strukturelle Abwechslung schaffen
Je abwechslungsreicher dein Garten, desto mehr Verstecke und Nahrung für verschiedene Käferarten. Trockenmauern, kleine Steinhaufen, Hecken, ungemähte Bereiche, Sandflächen und Totholzinseln sind ideal. - Offene Bodenstellen schaffen
Nicht alles dicht bepflanzen oder mulchen. Viele Käferarten – besonders Laufkäfer und Sandlaufkäfer – brauchen offene, besonnte Bodenstellen zum Graben. Eine Ecke mit Sand oder lockerer Erde reicht oft schon. - Laubhaufen und Kompost stehen lassen
Statt Laub im Herbst zu entsorgen, Haufen anlegen und über den Winter liegen lassen. Sie dienen als Überwinterungsquartier und bieten Schutz vor Frost und Fressfeinden. - Wiesen erst spät mähen, Mähgut entfernen
Eine späte Mahd (einmal pro Jahr) fördert viele Bodenbewohner. Mähgut absammeln, damit die Fläche abmagert und vielfältiger wird – das lockt noch mehr Insekten an. - Tierkot nicht überall entfernen
Mistkäfer sind auf Dung angewiesen. Wo es möglich ist (etwa auf einer Streuobstwiese oder Pferdeweide), ruhig mal etwas Kot liegen lassen. - Keine Flächen versiegeln
Stein- und Schottergärten, Betonplatten, „pflegeleichte“ Kiesflächen – all das nimmt Käfern (und vielen anderen Tieren) Lebensraum. Lieber begrünte Flächen und durchlässige Wege planen. - Regionale Pflanzen verwenden
Viele Käferarten haben sich auf heimische Pflanzen spezialisiert. Wer regionale Stauden, Sträucher und Bäume pflanzt, fördert automatisch die passenden Insektenarten – und sorgt für eine gesunde Bodenfauna.
Quellen:
- Bellmann, H. (2019): Der Kosmos Käferführer.
- Burkhardt, U. & Trautner, J. (2004): Ökologie der Laufkäfer.
- Eigene Erfahrungen und Feldbeobachtungen
- NABU: Käferarten in Deutschland
