Die Mittlere Wespe – unterschätzte Nachbarin mit sanftem Charakter

Wenn von Wespen die Rede ist, denken die meisten Menschen an lästige, aggressive Plagegeister, die uns den Sommer vermiesen. Doch längst nicht jede Wespenart entspricht diesem Bild. Besonders die Mittlere Wespe (Dolichovespula media) wird viel zu oft übersehen oder mit ihren deutlich nervigeren Verwandten verwechselt. Zeit, genauer hinzuschauen: Wer ist diese Mittlere Wespe eigentlich? Was macht sie aus – und warum sollte man sie kennen?

Aussehen und Verwechslung

Die Mittlere Wespe ist mit einer Länge von 14 bis 18 Millimetern etwas kleiner als die Europäische Hornisse, wirkt aber größer als die bekannten “Gemeinen Wespen”. Ihr auffälligstes Merkmal ist der gelblich bis rötlich gefärbte Stirnschild (Clypeus), der oft mit einer kleinen, schwarzen „Ankerzeichnung“ verziert ist. Im Gegensatz zu den üblichen Wespenarten fällt ihr Körper durch einen leichten Rotstich auf – besonders am ersten Hinterleibssegment sowie an den Beinen. Wer genau hinsieht, erkennt, dass sie insgesamt graziler und weniger kompakt wirkt als etwa die Deutsche Wespe.

Nicht selten wird die Mittlere Wespe mit der Hornisse verwechselt. Beide bauen große, auffällige Nester und sind eher friedlich. Doch im Gegensatz zur Hornisse bleibt die Mittlere Wespe deutlich kleiner und tritt meist in geringerer Zahl auf. Die Mittlere Wespen bevorzugt frei hängende Nester in Büschen, Hecken, Schuppen oder Dachvorsprüngen.

Lebensweise und Nestbau

Im Frühjahr, meist ab Mai, beginnt die Jungkönigin mit dem Nestbau. Typisch für die Mittlere Wespe ist das offene, graubräunliche Nest, das nicht selten in Hecken oder niedrigem Gebüsch baumelt – oft auf Augenhöhe, was sie für den Menschen manchmal „sichtbar gefährlich“ erscheinen lässt. Tatsächlich sind Begegnungen aber meist völlig harmlos, denn diese Art ist ausgesprochen zurückhaltend.

Das Volk der Mittleren Wespe bleibt mit 200 bis 700 Individuen überschaubar. Die Nestgröße erreicht selten mehr als Fußballformat, und spätestens im Spätsommer stirbt das Volk wieder ab. Die Jungköniginnen suchen sich ein Winterquartier, während Arbeiterinnen und alte Königin mit den ersten Frösten verenden.

Nahrung und Bedeutung im Ökosystem

Die Mittlere Wespe jagt – anders als die gemeinen Wespenarten – kaum am Kaffeetisch, sondern sucht ihre Nahrung bevorzugt im Grünen. Sie ernährt sich und ihre Brut hauptsächlich von Fliegen, Mücken, kleinen Raupen und anderen Insekten. Erwachsene Wespen sind außerdem auf zuckerhaltige Flüssigkeiten wie Baumsaft oder Nektar angewiesen. Was viele nicht wissen: Sie besuchen sogar Blüten und wirken dabei als Bestäuber, auch wenn sie nicht an die Effizienz von Bienen heranreichen.

Gerade im Garten leistet die Mittlere Wespe einen wichtigen Beitrag zur natürlichen Schädlingskontrolle. Sie reduziert Blattläuse und andere Schädlinge, ohne die Balance zu stören. Im Gegensatz zu den „gelben Plagegeistern“ sucht sie selten die Nähe zum Menschen und taucht kaum an Grillabenden oder beim Eisessen auf.

Verhalten gegenüber dem Menschen

Die Mittlere Wespe gilt als ausgesprochen friedlich. Wer ein Nest im Garten entdeckt, muss in der Regel keine Angst haben – solange man das Nest nicht stark erschüttert oder beschädigt. Anders als gemeine Wespen verteidigt sie ihr Zuhause nur bei echter Gefahr. Beobachtungen zeigen, dass die Tiere selbst dann ruhig bleiben, wenn man sich in geringer Distanz am Nest vorbeibewegt. Dennoch sollte man Abstand halten, unnötigen Stress vermeiden und – falls das Nest wirklich stört – Fachleute wie Imker oder Wespenberater hinzuziehen.

Persönliche Erfahrungen

Wer sich die Zeit nimmt, eine Kolonie Mittlerer Wespen zu beobachten, entdeckt schnell, wie faszinierend das Zusammenleben dieser Tiere ist. Im Sommer summt es friedlich rund ums Nest, Arbeiterinnen fliegen zielstrebig ihre Routen ab, bringen Nahrung und Baumaterial, kümmern sich um die Brut. Es gibt keine aufdringlichen Attacken oder nervöses Schwirren, wie man es von den klassischen „Kuchenwespen“ kennt. In meinen Jahren als Wespenberater habe ich zahlreiche Nester der Mittleren Wespe umgesiedelt oder begleitet – Ärger mit Anwohnern gab es fast nie. Im Gegenteil: Wer sich darauf einlässt, entdeckt mit der Mittleren Wespe eine „unauffällige Nachbarin“, die einen wichtigen Platz im Ökosystem hat.

Fazit

Die Mittlere Wespe ist weder aggressiv noch eine Plage. Sie ist ein nützliches Insekt, das selten stört und oft unterschätzt wird. Wer sie erkennt und zu schätzen lernt, bereichert nicht nur sein eigenes Wissen, sondern trägt dazu bei, den unfairen Ruf der Wespen ein Stück weit zu korrigieren.

Praxistipps für den Umgang mit der Mittleren Wespe (Dolichovespula media)

1. Erst mal beobachten, nicht gleich handeln

Nester der Mittleren Wespe sind oft sichtbar in Hecken, Sträuchern, in Schuppen oder auf Dachböden – selten direkt in Wohnbereichen. Beobachte erst aus der Distanz: Wie groß ist das Volk? Wie nah ist das Nest an den Laufwegen? Stören die Tiere wirklich oder sind sie einfach nur da?

2. Gelassen bleiben – die Mittlere Wespe ist friedlich

Diese Art ist kaum am Menschen interessiert, fliegt kaum an den Tisch und geht nicht an Süßspeisen. Sie ist sogar für Imker ein angenehmer Gast: Geht selten an Bienenstöcke. Auch wenn das Nest im Garten ist, brauchst du in 99 % der Fälle nichts zu tun – solange niemand direkt hineingreift, passiert nichts.

3. Abstand halten und Nester nicht berühren

Mindestens 2–3 Meter Abstand zum Nest wahren, keine heftigen Erschütterungen am Ast, Zaun oder Dachbalken, wo das Nest hängt. Für Kinder und Haustiere ggf. absperren oder erklären. Keine Gartenarbeiten direkt am Nest.

4. Keine „Hausmittel“ oder Sprays verwenden

Von Essig, Sprühattacken, Rauch oder gar Schaum aus dem Baumarkt bitte die Finger lassen – das bringt nicht nur der Mittleren Wespe nichts, sondern fördert auch die Aggression und führt zu Stichen, die sonst praktisch nie vorkommen.

5. Wenn das Nest ungünstig liegt (z. B. direkt am Fensterrahmen)

Vorübergehend Fenster geschlossen halten, Fliegengitter anbringen. Wenn ein häufiger Zugang erforderlich ist, Alternativweg überlegen oder Zugang zum Nestbereich für die Saison meiden. Das Nest wird spätestens im Herbst verlassen und kann dann gefahrlos entfernt werden.

6. Umsiedlung nur im Ausnahmefall

Wenn wirklich Gefahr für Allergiker oder kleine Kinder besteht und ein friedliches Nebeneinander unmöglich ist, Umsiedlung durch einen Wespenberater oder erfahrenen Imker – niemals selbst machen. Die Mittlere Wespe steht teils sogar unter besonderem Schutz.

7. Nach dem Sommer: Nest bleibt unbesetzt

Ab Oktober ist das Nest leer. Es kann dann einfach entfernt und z. B. als Natur-Deko genutzt werden. Keine „Vorsichtsmaßnahmen“ fürs nächste Jahr nötig – das alte Nest wird nicht erneut bezogen.

8. Respekt, aber keine Angst

Die Mittlere Wespe ist ein wertvoller Nützling. Sie jagt viele lästige Insekten und ist Futterquelle für Vögel. Mit etwas Abstand und Respekt lässt sich praktisch jedes Nest ohne Stress für Mensch und Wespe über den Sommer bringen.

Quellenangabe

  • eigene Erfahrungen als Wespenberater
  • www.wespe.net
  • NABU Deutschland, Artenporträts
  • www.hornissenschutz.de
  • Natur-Lexikon.com

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