Die Gemeine Wespe: Zwischen Faszination und Vorurteil

Wenn im Spätsommer die ersten Wespen um den Kaffeetisch kreisen, ist das Meckern schnell groß. Kaum eine andere heimische Art steht so sehr im Mittelpunkt von Missverständnissen wie die Gemeine Wespe (Vespula vulgaris). Ich erinnere mich noch gut an einen Nachmittag auf der Terrasse: Die Sonne schien, ein Stück Pflaumenkuchen stand bereit – und schon kamen die ersten gelb-schwarzen Besucher. „Schon wieder diese Plagegeister“, maulte meine Nachbarin. Ich kann den Reflex verstehen, aber ehrlich gesagt: Je mehr ich mich mit Wespen beschäftige, desto mehr Respekt habe ich vor diesen Tieren.

Die Gemeine Wespe ist nicht nur einfach irgendeine Wespe. Sie ist eine echte Überlebenskünstlerin und wahre Meisterin im Organisieren. Ihr Nest, meist gut versteckt im Boden, in Mauerspalten oder alten Mäusehöhlen, kann aus mehreren tausend Individuen bestehen. Die Struktur: Perfekt. Die Belüftung: Besser als in mancher Gartenlaube. Alles ist auf Effizienz getrimmt. Das die Arbeiterinnen im Spätsommer zu „Nervensägen“ werden, liegt daran, dass das Wespenvolk zu diesem Zeitpunkt am größten ist und die Nahrungsquellen knapp werden. Die Wespen suchen dann gezielt nach Zucker und finden ihn eben oft auf unseren Tellern.

Was viele vergessen, dass sie den ganzen Sommer über Großartiges leisten. Sie füttern ihre Brut mit Insekten Mücken, Fliegen, manchmal sogar kleine Raupen. Ohne Wespen würde manches Ökosystem buchstäblich kollabieren. Sie halten Schädlinge in Schach, entsorgen Aas und bestäuben sogar Blumen, wenn auch nicht so fleißig wie Bienen.

Wespen können lästig sein, ja. Aber gefährlich sind sie nur, wenn man sie bedrängt. In meinen Jahren als Imker und Berater für Wespen und Hornissen habe ich gelernt, wie friedlich diese Tiere eigentlich sind. Klar, niemand mag einen Wespenstich. Aber wie oft passiert das wirklich? Die meisten Stiche resultieren aus Missverständnissen: Hektische Bewegungen, versehentliches Draufsetzen oder das berühmte „ins Glas pusten“. Wespen reagieren nicht aus Bosheit, sondern aus Selbstschutz.

Spannend finde ich, wie sehr unser Bild von der Wespe von Medien und Halbwissen geprägt ist. Viele können die Gemeine Wespe nicht von der Deutschen Wespe oder gar von Hornissen unterscheiden. Dabei hat Vespula vulgaris klare Merkmale: Ihre typische Zeichnung am Kopf (ein schwarzer Strich, der vorne wie ein Anker aussieht) ist ziemlich eindeutig, wenn man sie einmal kennt.

Was kann man tun, um friedlich mit Wespen zu leben? Am besten Ruhe bewahren, Speisen abdecken und Gläser immer kontrollieren. Ablenkfütterungen helfen meist nur kurzfristig. Wer ein Nest im Garten entdeckt, muss nicht gleich zur Chemiekeule greifen – oft reicht es, das Nest in Ruhe zu lassen oder fachliche Beratung einzuholen.

Wenn ich heute draußen sitze und die Wespen beobachten kann, sehe ich mehr als nur „Plagegeister“. Ich sehe soziale, faszinierende Lebewesen, die viel zu oft unterschätzt werden. Vielleicht sollten wir ihnen etwas mehr Respekt zollen – und unsere Angst öfter mal hinterfragen.

Praktische Tipps im Umgang mit der Gemeinen Wespe

1. Keine Panik – ruhig bleiben!

Das klingt banal, aber hektische Bewegungen oder panisches Fuchteln sind das beste Mittel, um Wespen aggressiv zu machen. Bleib locker, auch wenn’s schwerfällt. Meistens verlieren sie das Interesse, wenn sie merken, dass keine Gefahr droht.

2. Essen und Getränke abdecken

Wespen werden im Spätsommer regelrecht auf Süßes und Fleischprodukte „programmiert“. Kuchenteller, Marmeladengläser oder Cola sollten draußen möglichst abgedeckt werden. Für Gläser gilt: Immer vor dem Trinken nachschauen – in ein Getränk mit Wespe zu beißen, endet nicht gut. Tipp aus der Praxis: Trinkhalme (mit Deckel) sind Gold wert.

3. Süße Düfte vermeiden

Parfums, Haarsprays oder stark riechende Cremes ziehen Wespen an. Wenn du weißt, dass du draußen isst oder trinkst, lieber auf stark duftende Produkte verzichten.

4. Alternativen zur „Ablenkfütterung“

Oft liest man, man solle ein Stück Kuchen oder süße Limo einige Meter vom Sitzplatz entfernt aufstellen. Das klappt manchmal – aber oft holt man sich damit noch mehr Wespen an den Tisch. Es funktioniert nur, wenn das Lockangebot schon sehr früh bereitsteht und konsequent weit weg platziert wird. Ein Allheilmittel ist das aber nicht.

5. Nester tolerieren – oder fachlich entfernen lassen

Wespen bauen ihre Nester gern in Rollladenkästen, Schuppen oder Erdlöchern. Ein Nest am Haus ist kein Weltuntergang: Die meisten Völker sterben im Herbst ohnehin ab, und die Stelle bleibt meist für Jahre „wespenfrei“. Wer trotzdem Angst hat oder allergisch ist: Bitte keine Experimente mit Spray, Feuer oder Wasser. Immer Profis fragen (im Zweifel die Untere Naturschutzbehörde oder einen Wespenberater).

6. Keine Hausmittel wie Kupfermünzen, Nelken, Räucherstäbchen

Im Netz kursieren unzählige Tipps à la „Kupfermünzen auf den Tisch legen“ oder „Wespen mit Räucherstäbchen vertreiben“. Ehrlich: Ausprobiert, bringt nichts. Die Tiere lassen sich davon nicht beeindrucken. Was hilft, ist wirklich das Abdecken von Speisen und ein ruhiges Verhalten.

7. Fenster sichern

Fliegengitter an Fenstern und Türen sind eine der effektivsten Methoden, um Wespen draußen zu halten – besonders, wenn im Haus gegessen wird oder Müll offen steht.

8. Abends Lichtquellen meiden

Wespen orientieren sich am Licht und können abends durch offene Fenster ins Haus kommen. Licht aus oder Fenster zu – sonst hast du schnell Gesellschaft.

9. Kompost, Müll und Tierfutter schützen

Offener Biomüll oder Katzenfutter auf der Terrasse ist eine Einladung. Möglichst abgedeckt oder direkt entsorgen.

10. Im Notfall: Hausmittel gegen Stiche

Falls es doch mal passiert: Wespenstiche schmerzen, aber meist harmlos. Als erste Hilfe hilft es, Hitze (z.B. einen heißen Löffel, ca. 50 °C) direkt auf die Einstichstelle zu halten – das zerstört das Eiweiß im Gift und lindert den Schmerz. Kühlen (z.B. mit einem Kühlpad) hilft auch. Bei Atemnot, Schwellungen im Halsbereich oder allergischen Reaktionen sofort den Notruf wählen!

Quellen

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