Es ist ein warmer Frühsommermorgen. Ich stehe am Rand einer alten Streuobstwiese und merke sofort: Irgendetwas fehlt. Kein leises Summen in der Luft, keine Schwebfliegen, die zwischen Gänseblümchen tanzen, und selbst die sonst so lästigen Stechmücken lassen sich kaum blicken. Wer einmal bewusst darauf achtet, merkt schnell, dass die Welt stiller geworden ist. Der Rückgang der Insekten ist nicht mehr nur Zahlenspielerei für Wissenschaftler – er hat längst spürbare Folgen für uns alle.
Ich erlebe das Jahr für Jahr als Insektenbotschafter, Imker und Naturfreund: Weniger Wildbienen, kaum noch Maikäfer, keine bunten Falterscharen an lauen Sommerabenden. Doch was bedeutet das konkret?
Weniger Bestäubung – weniger Ertrag
Eines der größten Probleme, über das inzwischen sogar Supermarktketten aufklären: Wenn die Bestäuber fehlen, bleiben Blüten leer. Nicht nur Obstbäume oder Beerensträucher sind betroffen. Auch Gemüsesorten wie Tomaten, Zucchini und Kürbis brauchen Wildbienen und Hummeln. Wer sich als Hobbygärtner schon mal über enttäuschende Ernten gewundert hat, kennt das Problem. In großem Stil trifft es vor allem Landwirte. Schon jetzt müssen in manchen Regionen Bienenvölker gezielt „eingekauft“ werden, um Plantagen am Laufen zu halten. Die Kosten dafür steigen – und landen letztlich auch bei uns Verbrauchern.
Nahrungsketten geraten aus dem Gleichgewicht
Insekten sind nicht nur Bestäuber, sondern auch Futter: für Vögel, Fledermäuse, Amphibien, viele Kleinsäuger. Wer in den letzten Jahren auf Vogelstimmen geachtet hat, kennt die traurige Bilanz: Weniger Insekten – weniger Nachwuchs bei Meisen, Schwalben, Mauerseglern. Zahlreiche Studien zeigen, dass viele Vogelarten in Deutschland dramatisch abnehmen. Wer Kinder hat, die heute keine „dicken Brummer“ mehr im Spinnennetz bestaunen können, spürt das direkt.
Fische, Frösche, Eidechsen und Igel sind ebenso betroffen. Der Rückgang der Insekten zieht wie ein Dominostein durch die Nahrungskette. Wenn man sich vorstellt, wie viele Tiere direkt oder indirekt auf Insekten angewiesen sind, ahnt man: Hier geht es nicht um ein paar „nervige“ Mücken weniger, sondern um das Fundament unserer Ökosysteme.
Ein stiller Verlust an Vielfalt
Manche Folgen des Insektensterbens sind weniger greifbar, aber mindestens genauso schwerwiegend. Was wäre ein Sommer ohne Schmetterlinge? Was fehlt uns, wenn das Zirpen der Grillen am Abend verstummt? Es sind diese scheinbar kleinen Dinge, die unser Leben reicher machen. Als Insektenbotschafter weiß ich: Kinder, die nie eine Raupe gefunden oder eine Wildbiene am Nistblock beobachtet haben, verlieren einen Teil ihrer kindlichen Neugier.
Die Natur wird ärmer, und wir gleich mit.
Medizin und Wissenschaft im Nachteil
Ein Punkt, der oft übersehen wird: Insekten sind wichtige Forschungsobjekte. Viele medizinische Wirkstoffe, sogar innovative Klebstoffe oder Sensoren, sind von der Natur abgeschaut – oft direkt von Käfern, Wespen oder Motten. Je weniger Arten wir haben, desto kleiner ist der Baukasten für zukünftige Entdeckungen.
Offene Fragen – sind wirklich alle Insekten gleich bedroht?
Nicht alles ist schwarz-weiß: Einige Arten profitieren sogar von veränderten Bedingungen. Die Gemeine Wespe oder manche Stechmücken sind in der Stadt häufiger als früher. Das zeigt: Der Insektenrückgang ist kein gleichförmiges Massensterben, sondern betrifft bestimmte Gruppen viel härter als andere. Hier muss differenziert werden.
Manche Fachleute warnen sogar vor zu viel „Alarmismus“. Denn pauschale Panik hilft nicht weiter. Was es braucht, ist genaue Beobachtung, nüchterne Analyse und gezieltes Handeln – im Garten, auf dem Feld, in der Politik.
Was kann jeder Einzelne tun?
Es ist nicht alles verloren. Wer einen kleinen Teil seines Gartens wild wachsen lässt, auf Pestizide verzichtet oder Insektenhotels aufhängt, tut schon viele. Noch wichtiger: Das Bewusstsein weitertragen, in die Schulen, in Vereine, an die Stammtische.
Ich merke oft: Wenn Menschen mit eigenen Augen sehen, wie eine Mauerbiene schlüpft oder wie Goldwespen in alten Holzzäunen leben, springt der Funke über. Der erste Schritt bleibt das Hinschauen.
- Hallmann, C. A. et al. (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLOS ONE.
- NABU (2024): Insektensterben – Ursachen, Folgen, Handlungsempfehlungen.
- Bundesamt für Naturschutz (2024): Insektenbericht.
- Eigene Erfahrungen aus der Umweltbildung und praktischen Insektenbeobachtung (2020–2025)
