Wer zum ersten Mal einen Bienenstock öffnet und die Tausenden summenden Arbeiterinnen sieht, stellt sich irgendwann die Frage: Wo steckt hier eigentlich die Königin? Ich gebe zu, auch nach vielen Jahren Imkerei klopft mein Herz immer noch ein bisschen schneller, wenn ich sie entdecke – diese eine Biene, größer als die anderen, mit einem seltsamen Mix aus Würde und Betriebsamkeit. Kein Wunder, dass gerade sie oft romantisiert wird. „Die Königin – das Herzvolk“, habe ich mal auf einem Imkerforum gelesen. Klingt schön, stimmt aber nur zur Hälfte.
Von wegen Krone auf dem Kopf
In meinen Anfängen als Imker dachte ich wirklich, die Königin würde wie eine Monarchin regieren, Befehle geben, vielleicht sogar entscheiden, wer was macht. Die Realität ist banaler und spannender zugleich: Die Königin ist ein Spezialwerkzeug der Natur – eine Legemaschine, geschaffen dafür, Eier zu produzieren. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sie ist deutlich größer als ihre Schwestern, hat einen längeren Hinterleib, der so lang ist, dass sie damit mühelos bis auf den Zellenboden kommt. Man erkennt sie aber vor allem daran, dass sie oft von einem Kreis Arbeiterinnen umgeben ist, die sie füttern, putzen, ja – fast ein bisschen bedienen.
Ich erinnere mich an einen dieser chaotischen Frühlingstage, als ich in einen besonders vollen Stock geschaut habe. Überall reges Gewusel, doch plötzlich wurde es ruhig in einer Ecke der Wabe. Da stand sie, die Königin, gerade im Begriff, ein Ei in die Zelle zu setzen. Für einen Moment sah sie tatsächlich majestätisch aus – aber im nächsten Augenblick war der Zauber vorbei, als eine Arbeiterin ihr mit dem Hinterleib direkt ins Gesicht lief. So viel zum Thema „Erhabenheit“…
Königin ja, aber Chefin? Nicht wirklich.
Die Bienenkönigin entscheidet nicht, wie viele Arbeitsbienen oder Drohnen schlüpfen – das machen letztlich die Arbeiterinnen. Die Königin legt befruchtete und unbefruchtete Eier, je nachdem, wie breit die Zelle ist: schmal für Arbeiterinnen, breit für Drohnen. Sie wird gelenkt, nicht umgekehrt. Wenn die Arbeiterinnen meinen, es sei Zeit für eine neue Chefin (etwa weil die alte schwächelt oder das Volk schwärmen will), bauen sie einfach sogenannte Weiselzellen. In diese legt die Königin dann Eier, aus denen, gefüttert mit Gelee Royal, neue Königinnen entstehen.
Dieses Prinzip hat mich immer fasziniert: Eine einzige Biene, auf der das Überleben des Volkes hängt – und trotzdem ist sie total austauschbar. Es gibt keine sentimentale Bindung, sondern reine Zweckmäßigkeit. Als ich das erste Mal miterlebt habe, wie ein Volk seine alte Königin einfach „abgesetzt“ hat, war ich fast enttäuscht. Keine Tränen, kein Abschied, nur eiskalte Natur.
Jungfernflug – Die gefährlichste Reise einer Königin
Was viele nicht wissen: Die Königin kommt als Jungbiene zur Welt und muss dann, nach ein paar Tagen im Stock, zum Hochzeitsflug raus. Draußen in der Luft warten die Drohnen, und jetzt kommt’s: Die junge Königin wird von mehreren Drohnen begattet – im Flug! (Wenn das mal kein waghalsiges erstes Date ist.) Was bei Imkeranfängern für Lacher sorgt, ist für die Königin brandgefährlich: Viele werden auf diesem Flug gefressen oder verirren sich. Wer es schafft, kehrt als „gepaarte“ Königin zurück und kann dann zehntausende Eier legen. Wer Pech hat, kommt nie wieder oder bleibt unbegattet – und dann war’s das mit dem Volk.
Ich habe einmal erlebt, wie eine junge Königin nicht zurückkam – und das gesamte Volk war tagelang unruhig, suchte fieberhaft nach der Chefin und baute verzweifelt Nachschaffungszellen. Das war kein schönes Bild, zeigt aber, wie verletzlich das System ist.
Die Sache mit der Markierung
Viele Imker markieren ihre Königinnen mit einem kleinen Farbtupfer. Ich war anfangs kein Fan davon – irgendwie schien mir das zu künstlich. Aber wer schon mal dreißig Minuten in einem Stock nach der Königin gesucht hat, nur um sie dann doch wieder zu übersehen, wird pragmatisch. Heute markiere ich fast immer, auch wenn ich mich manchmal frage, was die Königin wohl davon hält. (Wahrscheinlich gar nichts, aber wir sind hier eben keine Demokratie.)
Was macht eine gute Königin aus?
Jede/r Imker*in entwickelt irgendwann so ein Gespür für „gute“ Königinnen. Manche Völker sind sanft und ruhig, andere eher nervös. Viel hängt von der Königin ab – ihrer Herkunft, der Paarung, aber auch von winzigen Zufällen. Ich hatte schon robuste Damen, die drei Jahre lang für stetigen Nachwuchs sorgten, und welche, die nach einer Saison schlapp machten. Es gibt sie wirklich, die „Charakterbienen“ – auch wenn das biologisch betrachtet natürlich Quatsch ist.
Einmal habe ich eine besonders vitale Königin bei einem Ablegerumzug verloren. Sie war im Wabenknäuel verschwunden, das ganze Volk war sofort unruhig, die Arbeiterinnen liefen wild auf und ab. Zum Glück fand ich sie später auf der Unterseite des Deckels. Das war einer dieser Momente, in denen man merkt, wie schnell aus Ruhe Panik wird – und wie wichtig diese einzelne Biene für das gesamte Volk ist.
Königinnen im Jahreslauf
Im Frühjahr legt die Königin richtig los: Bis zu 2.000 Eier am Tag sind möglich, das sind Dimensionen, die man sich erst mal vorstellen muss. Im Hochsommer, wenn das Volk auf dem Höhepunkt ist, wirkt die Königin oft wie im Dauerstress. Ich finde es erstaunlich, wie sie das schafft. Im Herbst wird es ruhiger, das Brutgeschäft läuft aus, und über Winter lebt die Königin in einer Art „Sparmodus“. Sie kann durchaus mehrere Jahre alt werden – aber auch das ist eine Lotterie.
