Arbeiterin: Das Leben einer kleinen Heldin

Wenn ich morgens am Bienenstand stehe, bevor die Sonne den Tau von den Wiesen geküsst hat, herrscht noch Ruhe in den Kästen. Manchmal sitzt eine einzelne Arbeiterin schon am Flugloch, als hätte sie Nachtdienst geschoben und wartet jetzt auf den Startschuss. Für mich sind diese Bienen echte Heldinnen – und das meine ich nicht kitschig, sondern aus purer Bewunderung.

Die meisten Leute denken, so eine Arbeiterin lebt irgendwie den ganzen Sommer lang, sammelt Nektar, macht ein bisschen Honig, fertig. Stimmt nicht ganz – das Leben einer Honigbienen-Arbeiterin ist vielschichtiger und eigentlich viel härter, als man denkt. Und auch viel kürzer. Die wenigsten werden älter als sechs Wochen, zumindest im Sommer. Nur die Winterbienen dürfen länger bleiben.

Ich weiß noch genau, wie ich als junger Imker das erste Mal eine frisch geschlüpfte Arbeiterin gesehen habe. Sie war noch ganz blass und irgendwie tapsig, als würde sie ihre sechs Beine erst mal testen müssen. Der Unterschied zu den alten, abgenutzten Sammlerinnen ist deutlich: Die einen glänzen noch, die anderen wirken fast abgearbeitet, mit ausgeblichenem Rücken, abgeknabberten Flügelrändern. Wer genau hinschaut, erkennt da die ganze Härte ihres Jobs.

Vom Putzen zur Sammelmeisterin

Eine Arbeiterin wird nicht als Sammlerin geboren. Ihr Lebenslauf beginnt bescheiden – mit Putzen. Die ersten Tage nach dem Schlupf krabbelt sie durchs Volk und macht sauber, räumt leere Zellen aus, poliert Wachs, entfernt tote Larven. Nicht gerade ein glamouröser Einstieg, aber extrem wichtig. Die Hygiene im Bienenvolk ist der beste Schutz gegen Krankheit. Wer mal gesehen hat, wie rabiat Arbeiterinnen mit „unordentlichen“ Waben umgehen, der versteht, warum Bienenvölker fast nie krank werden – solange genug Bienen da sind.

Nach ein paar Tagen übernimmt sie neue Aufgaben: Füttern. Arbeiterinnen kümmern sich um die Larven, versorgen die Königin und kontrollieren ständig, ob genug Futter und Platz da ist. Wer Kinder hat, kennt das Gefühl, ständig irgendwem hinterherzuräumen oder nachzufüttern – bei den Bienen läuft das ähnlich.

Und dann kommen die „Bauarbeiten“. Wachs schwitzen, Zellen bauen, Honig einlagern. Ich habe im Hochsommer schon oft gesehen, wie Bienen bei 35 Grad im Schatten am Flugloch Wachsplatten durch den Stock schleppen, als wäre das ihr einziger Lebensinhalt. Kein Jammern, kein Pausieren – einfach machen.

Wächterin, Klima-Anlage, Notarzt – alles in einer Biene

Mit ungefähr zwei Wochen auf dem Buckel wird’s ernst: Die Arbeiterin wird Wächterin, hockt am Flugloch und prüft jeden, der rein will. Ein falscher Duft, ein fremdes Verhalten – zack, wird gestochen oder rausgeworfen. Ich habe schon erlebt, wie Bienen einen dicken Brummer aus dem Stock gezerrt haben, weil er nach „fremd“ gerochen hat. Dabei sind die Mädels erstaunlich kompromisslos.

Wenn’s draußen zu warm wird, verwandeln sich die Arbeiterinnen in lebendige Ventilatoren. Ich weiß noch, wie ich an einem heißen Tag einen Stock geöffnet habe: Hunderte Bienen standen am Flugloch und fächerten synchron mit den Flügeln. Ein unvergessliches Geräusch, fast wie ein leises Surren. Und die Temperatur im Innern? Fast immer konstant, egal, ob’s draußen 10 oder 35 Grad sind. Da können manche Klimaanlagen nicht mithalten.

Endlich raus – die große Freiheit

Nach etwa drei Wochen darf die Arbeiterin endlich raus. Erst mal fliegt sie ein paar Runden ums Flugloch, merkt sich das Haus – ich habe das zigmal beobachtet: Die Biene steigt auf, dreht Kreise, immer weiter, bis sie die Umgebung „abgespeichert“ hat. Erst dann geht’s auf Sammelflug. Jetzt wird sie zur Nektarjägerin, Pollensammlerin, manchmal auch zur Wasserträgerin oder Propolis-Sammlerin. Das Sammeln selbst ist Schwerstarbeit. Jede Biene besucht pro Flug Hunderte Blüten, trägt dabei ihr eigenes Gewicht – und kommt dann noch mit dicken Pollenhöschen zurück.

An richtig guten Tagen habe ich beobachtet, wie eine Biene nach der anderen auf der Anflugplatte landet, ablädt, kurz putzt und sofort wieder loszieht. Und immer wieder dasselbe Muster: Keine Pause, kein „Feierabend“. Im Sommerleben einer Arbeiterin gibt es keine Erholung, nur Arbeit. Das klingt hart – und das ist es auch.

Am Ende wartet der Tod

Klingt traurig, ist aber so: Eine Arbeiterin stirbt meist draußen im Feld. Die Flügel zerfleddert, die Kraft lässt nach, und irgendwann schafft sie den Heimflug nicht mehr. Ich habe schon oft auf der Wiese gesessen, wenn so eine alte Sammlerin im Gras gelandet ist und einfach liegen geblieben ist. Kein großes Drama, keine Abschiedszeremonie – das gehört einfach dazu.

Und trotzdem: Für mich sind es kleine Heldinnen. Sie machen ihren Job, Tag für Tag, bei jedem Wetter. Sie meckern nicht, sie leisten einfach. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum mich Bienen auch nach Jahren noch faszinieren.

Anekdote zum Schluss

Einmal stand ich mit einer Kindergruppe am Bienenstand. Wir haben zugeschaut, wie eine Arbeiterin eine scheinbar viel zu große Pollenladung in den Stock schleppt. Ein Mädchen meinte: „Die fällt doch gleich um!“ Aber nein, die hat sich durchgebissen, stolperte ins Loch, verschwand – und kam Minuten später schon wieder raus. Ein schönes Bild dafür, wie ausdauernd diese Tiere sind. Ich glaube, von so viel Einsatz könnten wir Menschen uns manchmal eine Scheibe abschneiden.

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